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Paradiesische Aussichten




Hier gibt‘s immer was zu gucken: Schiffe in allen Tonnageklassen, Flugzeuge auf dem Airbus-Gelände gegenüber und natürlich die Gäste, vom Biker in Ledermontur bis hin zur Elblette in Dolce & Gabbana. Und irgendwann guckt man auch auf seinen Teller – und entdeckt dann vielleicht die „langsam pochierte Kalbslende“ (16,50 Euro), eines der Vorspeisen-Highlights aus der aktuellen Abendkarte in einer der schönsten Locations der Stadt. Dann ist man angekommen in der Welt des Engels. Endgültig.

 

Tarik Rose und seine rechte Hand Nkarang Sanyang, ein baumlanger Afrikaner aus Gambia, genannt „Kabs“, kreieren ein auf den Punkt gebratenes ‚,Ossobuco vom Seeteufel mit Langustinoschaum“, dazu Safranfenchel und Ravioli, gefüllt mit aromatischem Zitronen-Ricotta. Allein die ungewöhnliche, hausgemachte Teigware rechtfertigt den Preis von 29,50 Euro, das fisch-fruchtige Gesamtensemble auf dem brüllheißen Teller sowieso. „Wir versuchen natürlich, die ‚drei‘ möglichst zu vermeiden“, erzählt Rose treuherzig, „aber das gelingt nicht immer.“ Und das liegt am Einkauf und dem uneingeschränkten Bekenntnis zu Frische, Freiläufern und Freischwimmern. Sogar das Brot wird hier selbst gebacken. Überdies wird der „Engel“ zum Wohle des ungeduldigen Gastes mit hohem Personalaufwand betrieben. Genau: Für 10,50 Euro schmeckt die mit unaufdringlichem Charme servierte „Schokoladen Crème Brülée“ mit Buttermilch-Espuma und Passionsfrucht-Sorbet nicht nur fantastisch, sondern ist auch wunderbar nahrhaft.

Zur Philosophie des „Engel“ gehört außerdem, dass die feinen Rohstoffe, wie etwa das seltene „Sattelschwein“ so verarbeitet werden, dass sie auch nach der Zubereitung als solche erkennbar sind. Darüber hinaus unterstützt das Restaurant die „hamburg mal fair“-Initiative: Es wird streng darauf geachtet, dass aus Übersee – wenn überhaupt – möglichst „Fair Trade“-Produkte verwendet werden. Die Weinkarte ist streng deutsch-europäisch. Etikettentrinker könnte sie zwar enttäuschen, entdeckungsfreudige Zecher dagegen werden angenehm überrascht sein..

 

Zum Restaurant in der ersten Etage gehört auch der Imbiss, knapp über der Wasserlinie. Dort wird freitags im Sommer bei gutem Wetter gegrillt. Nicht nur Wurst, sondern auch zarte Koteletts vom ,,Donald-Russell-Lamm“. Schöne Aussichten.

 

 

Gekürzter Nachdruck aus Hamburger Abendblatt 21./22. Mai 2011

 

TEXT: ALEXANDER SCHULLER  •  FOTOS: THOMAS LEIDIG